Unbekanntes Biotop „Spielhalle“

Der Ursprung vieler bekannter Spieleserien ist zweifelsfrei die Spielhalle. Allerdings verbindet man unter dem Begriff “Spielhalle” hierzulande etwas ganz anderes, als beispielsweise im Mekka der Videospielindustrie Japan. Aber woran liegt das und wie sieht die Situation im benachbarten Ausland aus?

Ging es euch nicht früher auch so? Videospiele auf Heimkonsolen waren technisch nicht gerade beeindruckend (die Rede ist vor allem vom 8-Bit Zeitalter). Grob gerasterte Pixelkreaturen ruckelten spärlich animiert über den Bildschirm und das, was aus den Fernsehlautsprechern kam, konnte nur mit viel Wohlwollen als musikähnliche Tonfolge identifiziert werden. Leistungsstarke Technik war zu dieser Zeit einfach noch zu teuer und deshalb für den Massenmarkt nicht geeignet. Wenn man aber nichts anderes kannte, war diese Art von Spielerlebnis durchaus befriedigend und der Spielspaß ging bei den meisten Titeln durchaus in Ordnung. Gerade auf dem NES konnte nicht nur der dicke Klempner mit ausgereiftem Gameplay glänzen. Doch sind wir mal ehrlich. Das, was man auf dem Bildschirm bewundern durfte, war doch größtenteils sehr ernüchternd. Aber es sollte auch Mitte der 80er Jahre schon anders gehen.

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Ich erinnere mich da an ein einschneidendes Erlebnis in meiner frühen Jugend. Ich denke ich war 7 oder 8 Jahre alt und meine Eltern kratzten ihre Ersparnisse zusammen und gönnten sich und mir einen Bade-Urlaub in Spanien. Neben völlig überfüllten Stränden und den unfreundlichen Hotelangestellten blieben mir vor allem die zahlreichen, frei zugänglichen Spielhallen in Erinnerung. Als ich das erste Mal meinen Fuß in eine dieser lauten, blinkenden Kathedralen für Videospielverrückte setze, war das für mich persönlich so, als ob Weihnachten, Ostern und zusätzlich noch mein Geburtstag auf einen Tag gefallen wären. Nie zuvor hatte ich solch detaillierte Grafiken und riesengroße Sprites gesehen. Ganz zu schweigen von dem satten Stereosound inklusive Sprachausgabe, der von den Spielautomaten ausging.

Was mich zusätzlich faszinierte waren die originellen Eingabemöglichkeiten der Spielgeräte. So gab es beim legendären Out Run Automaten anno 1986 bereits ein Force Feedback Lenkrad. Die Top Gun-ähnliche Flugsimulation Afterburner konnte gar mit einem beweglichen Kampfjet-Cockpit, inklusive Flugzeug-Joystick glänzen. Sehr beliebt waren aber auch damals schon Lightgun-Shooter. Im Gegensatz zu heutigen Vertretern dieses Genres waren die Bleispritzen zur damaligen Zeit aber größtenteils noch fest am Automaten installiert. Variierbar waren nur der Neigungswinkel und die Richtung. Besonders in Erinnerung geblieben ist mir in diesem Zusammenhang vor allem die Militär-Ballerei Operation Wolf. Den audiovisuellen Höhepunkt stellte zu dieser Zeit aber definitiv der Dragon´s Lair Automat dar. Dank topmoderner Laserdisc-Technologie hatte man die Möglichkeit, den mutigen Ritter Dirk durch einen disneytypischen, virtuellen Zeichentrickfilm zu lotsen. Das dabei die Eingriffsmöglichkeiten in das Spielgeschehen nur aus sporadischen Richtungsimpulsen á la „gehe Weg rechts“ oder „springe über den Abgrund“ bestanden, war zu dieser Zeit eher nebensächlich. Die Faszination bestand im technisch Machbaren. Wie ihr euch sicher denken könnt, verschwand in den Spielautomaten ein Großteil meines Urlaubsbudgets. Denn Arcade Automaten sind bekanntlich nicht nur faszinierend, sondern wollen auch regelmäßig mir Kleingeld gefüttert werden.

Zurück aus dem Urlaub schaltete ich sofort mein Master System ein, aber meine Begeisterung hielt sich gelinde gesagt in Grenzen. Was war denn das? Winzige Heldensprites, eintönige Hintergründe und erst dieses nervige Gepiepse. Da kam mir nur eins in den Sinn. Ab in die nächste Spielhalle und wieder richtige Videospiele zocken. Aber in unseren Gefilden gab und gibt es hier leider einen großen Haken. Der Gesetzgeber beschloß 1985 nach der Überarbeitung des Jugendschutzgesetzes (§ 8 JÖSchG), das Kindern und Jugendlichen der Zutritt zu öffentlichen Spielhallen strengstens untersagt ist. Aus der Sicht der Erziehungsberechtigten ist es natürlich zu begrüßen, dass sich ihre Sprößlinge nicht in verrauchten Spielhallen herumtreiben und ihr letztes Taschengeld verzocken. Andererseits unterscheidet sich die Atmosphäre in hiesigen Spielhallen drastisch zu den südländischen oder gar asiatischen Pendants. Dort sind Spielhallen zumeist helle und offene Spaßzentren mit Freizeitcharakter. Eltern wie Kinder können hier ihren Spaß haben und sich die Zeit mit einigen Runden am Lieblings-Automaten vertreiben. Lokale Zocker-Profis werden bei der fast fehlerfreien Demonstration ihrer Fertigkeiten beobachtet und der eine oder andere bestaunt andächtig die Highscore Listen der verschiedenen Games. Die ernüchternde, deutsche Definition einer Spielhalle entspricht aber leider eher einem zwielichtigem Treffpunkt für Glückspielsüchtige und Alkoholkranke, die ihren letzten Cent verspielen. Auch die meistens ansässige Erotik-Abteilung, mit diversen „Filmvorführgeräten“ entspricht nicht gerade dem Umfeld, in dem Eltern ihre Kinder gerne sehen würden. Aber warum ist das eigentlich so?

Ich habe mir zu dieser Frage einige Gedanken gemacht. Einerseits ist das Medium Video- und Computerspiele in Deutschland gerade erst dabei, sich auch in der breiten Masse zu etablieren. Vor allem erfolgreichen Innovationen wie der Wii oder dem Nintendo DS ist es zu verdanken, dass sich die elektronische Form des Spielens endgültig emanzipiert hat und das ungerechtfertigte Randgruppen-Image losgeworden ist. Andererseits ist die Anschaffung eines Arcade-Automaten für Betreiber von Spielhallen nicht ganz billig. Da fallen schon mal leicht einige tausend Euro für einen einzigen Automaten an. Bis sich diese Investition bezahlt macht, müssen schon viele Euromünzen in den Münzschacht wandern. Ist das Spielgerät dann irgendwann technisch veraltet oder verschlissen, wird es sehr schwer, es noch gewinnbringend an den Mann zu bringen. Da ist es doch viel rentabler, sich eine Batterie von Glückspielautomaten anzuschaffen, an denen täglich eine Vielzahl von Spielsüchtigen klebt und eifrig mit Geld füttert. Das damit nur die Sucht von nachweislich kranken Menschen befriedigt wird, ist ethisch natürlich fragwürdig, spielt aber kaum eine Rolle, sobald die Kasse nur ordentlich klingelt. Traurig aber wahr.

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Das größte Problem stellt in meinen Augen allerdings die geringe bis nicht vorhandene Nachfrage nach solchen Einrichtungen dar. Deutsche Zocker wollen sich lieber gemütlich zu Hause auf ihre Couch lümmeln, die Konsole einschalten und loszocken. Spielen als Gemeinschaftserlebnis oder als Wochenendaktivität ist in unseren Breiten eher unüblich. Das Hobby Videospielen wird in der Regel in den heimischen vier Wänden praktiziert. Ab und zu lädt man sich dann einen Kumpel zu einer Session Pro Evolution Soccer oder Tekken ein, oder spielt lieber gleich online. Dies läßt sich auch sehr gut an dem weltweiten Phänomen „World of Warcraft“ verdeutlichen. Somit könnte man wohl am ehesten von einer kulturellen Veranlagung reden, die sehr stark durch gesetzliche Regelungen geprägt wurde. Ob das nun bedauerlich oder sinnvoll ist, muß jeder selbst entscheiden.

Aber wie lautet nun mein persönliches Fazit zur (fast nicht existierenden) Spielhallensituation in Deutschland? Ich finde es natürlich sehr bedauerlich, daß ich in meiner Jugend nicht die Möglichkeit hatte, mich an technisch aufwendigen Spielautomaten auszutoben. Stattdessen musste ich mich mit weniger leistungsfähigen Konsolen Vorlieb nehmen. Mir blieb nur der neidische Blick Richtung Fernost, wo sich Kinder und Jugendliche regelmäßig in verschwenderisch gestalteten Arcades trafen und die neuesten Automatengames spielen durften. Allerdings blieb mir so auch mehr Zeit um einfach mal an die frische Luft zu gehen, um etwa mit meinen Freunden eine Partie „Real Life“ Fußball zu spielen. Hatte ich im Urlaub dann mal die Gelegenheit, ein paar Stunden in einer Spielhalle zu verbringen, war das Spielerlebnis dann umso intensiver.

2 Antworten to “Unbekanntes Biotop „Spielhalle“”

  1. Dieser Bericht spricht mir aus der Seele. Auch ich war mit 7 – 8 Jahren im Urlaub in Spanien und habe dort mein gesamtes Taschengeld in die Automaten geworfen. Zurück in Deutschland kam dann die Ernüchterung. Schade, dass es sowas hier in Deutschland nicht gab bzw. für Jugendliche verboten wurde.

  2. Wem sagst du das. Ich war gestern erst in der einzigen mir noch bekannten Spielhalle in München. Echt übel. Total schmuddelig und fast nur noch Geldspielautomaten. Auf jeden Fall kein Ort, der zum Verbleiben einlädt.

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