Retro Games 2.0

Die Retrobewegung weckt seit geraumer Zeit das Interesse der Medien und ist bei vielen, gerade auch sehr jungen Menschen, absolut angesagt. Beispiele hierfür muss man nicht lange suchen. Sieht man sich nur mal die aktuelle Mode an, entdeckt man vor kurzen noch verpöhnte Accessoires wie 80er Jahre Karottenjeans oder Ohrringe im Duschvorhang-Design. Allerdings erscheinen die meisten Retro-Artikel in leicht abgewandelten bzw. modernisierten Variationen. Genau diesen Trend kann man auch sehr gut an aktuellen Videospiel-Umsetzungen beobachten. Compilations von klassischen Games gibt es schon sehr lange, allerdings kommen in letzter Zeit auch immer wieder grafisch und soundtechnisch angepasste Versionen von beliebten Spielen auf den Markt. Es handelt sich hierbei quasi um die nächste Evolutionsstufe der Retrogames – oder wie man auch sagen könnte – Retro Games 2.0…

Lange Zeit versuchten die Spieleentwickler krampfhaft erfolgreiche Spieleserien wie Sonic oder King of Fighters in die dritte Dimension zu hieven, um so den ursprünglichen Erfolg kontinuierlich weiterzuführen. Leider mussten bei den meisten Zwangsmodernisierungen aber gehörige Abstriche in Sachen Spielspaß und Spielmechanik gemacht werden, da man diesen Games deutlich anmerkte, dass die ursprünglichen Spielkonzepte einfach nicht für die Möglichkeiten der aktuellen Konsolengeneration ausgelegt waren. Diese radikale Vorgehensweise der Publisher hatte zur Folge, daß sich viele dieser Games einfach nicht mehr verkauften und die Spielereihe schlussendlich eingestellt wurde.

Viele frustrierte Retro-Spieler entschlossen sich daraufhin, endgültig die Finger von misslungenen Neuauflagen zu lassen und dafür lieber auf Emulatoren oder besser noch die Originale auszuweichen. Sieht man sich allerdings die Classic-Remakes der letzten Monate mal etwas genauer an, kann man doch ein klares Umdenken bei den meisten Entwicklern beobachten. Glücklicherweise besinnen sich viele renommierte Publisher mittlerweile eines besseren und schalten technisch wieder einen Gang zurück und drehen dafür lieber kräftig an der Spielspaß-Schraube. Wieder ein Beweis dafür, daß gute Spiele eben nicht zwangsläufig mit pompöser 3D-Grafik in „Bling-Bling“-Optik aufwarten, sondern einfach „nur“ Spaß machen müssen. Um diese Theorie zu untermauern, will ich euch nun drei der meiner Meinung nach gelungensten Neuauflagen etwas näher vorstellen.

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Beginnen möchte ich mit dem bereits 2006 von Capcom veröffentlichten Remake eines äußerst populären Action Jump´n Runs mit dem Titel Ultimate Ghosts´n Goblins (für Sonys Playstation Portable). Diese für ihren harschen Schwierigkeitsgrad berühmt-berüchtigte Spielereihe hatte bereits Mitte der Achtzigerjahre ihren Ursprung in der Spielhalle und wurde in den folgenden Jahren für so ziemlich alle 8- bzw. 16-Bit Systeme umgesetzt. Die meisten Zocker dürften den mutigen Ritter Arthur, mit Vorliebe für Herzchen-Boxershorts, aber wohl von der hervorragenden Super NES Version her kennen. Ultimate Ghosts´n Goblins ist wirklich ein wunderbares Beispiel für die liebevolle Wiederbelebung eines klassischen Spielkonzepts. Die geschickte Mischung aus 2D Umgebung und 3D Charakteren wirkt sehr frisch und verleiht dem gewohnt morbiden Grafikstil einen einzigartigen Touch. Zudem wurden eher frustrierende Spielelemente, wie nicht vorhandene Rücksetzpunkte oder überpenible Sprungeinlagen, durch neue Features, wie die stufenweise Aufrüstung eurer Waffen und Schilde oder das Hochhangeln an Abgründen, geschickt entschärft. Dank des variablen Schwierigkeitsgrads kann sich der Spieler nun entscheiden, ob er lieber die klassische, beinharte Variante oder doch eher die modernisierte Version, mit mehreren Leben und Continuous bevorzugt. Besonders gut an der Neuauflage des grusligen Hüpfabenteuers gefällt mir übrigens der orchestrale Soundtrack, in dem bekannte Themen aus den Vorgängern aufgriffen und neu interpretiert wurden. So muss ein gut gemachtes Remake aussehen.

Weiter gehts mit einem nicht minder actionreichen Klassiker vom Traditionshersteller Konami. Die Rede ist vom 2007 (leider nur in den USA) erschienenen vierten Teil der Contra-Reihe (in Deutschland unter dem Namen Probotector bekannt) für den Nintendo DS. Wie ihr sicher wisst, musste der Ruf des nun wieder klassisch in 2D scrollenden Ballervergnügens in den letzten Jahren enorm leiden. Wie oben beschrieben, versuchten die japanischen Entwickler mit aller Macht ein klassisches Spielkonzept mithilfe der neu errungenen technischen Möglichkeiten in die dritte Dimension zu befördern. Der Erfolg hielt sich allerdings sehr in Grenzen. Die erschienenen Ableger für die Playstation bzw. Playstation 2 konnten spielspaßtechnisch einfach nicht mehr überzeugen und die leidgeprüften Contra Fans wollten sich schon damit abfinden, daß der dritte Teil auf dem Super NES wohl für alle Zeiten das Highlight der Spieleserie bleiben würde. 2007 hatten die japanischen Entwickler aber glücklicherweise ein Einsehen und verpassten dem Actionspektakel endlich eine furiose Fortsetzung, im originalgetreuen 16-Bit Look. Natürlich kamen einige zeitgemässe Grafik-Effekte hinzu, genau wie die sinnvolle Nutzung des zweiten Screens des Nintendo DS und fertig war ein neuer Meilenstein für traditionsbewusste Actionfans. Was allerdings blieb, war der heftige Schwierigkeitsgrad. Contra Spiele sind eben seit je her vor allem für Spiele-Profis interessant.

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Zu guter Letzt sei noch das von Taito entwickelte und von Square Enix gepublishte Remake zu Space Invaders mit dem Titel Space Invaders Extreme erwähnt (Nintendo DS). Zu diesem Klassiker muss ich wohl nichts mehr sagen. Der Urvater aller Weltraumshooter hat mittlerweile 30 Jahre auf dem Buckel und erschien bereits in unzähligen Varianten und Classic Compilations. Allerdings verordneten die Entwickler dem betagten Klassiker zum runden Jubiläum eine radikale Verjüngungskur, ohne dabei aber das eigentliche Spielprinzip aus den Augen zu verlieren. Die Präsentation wirkt sehr modern und abgespaced und der rythmische Elektro Soundtrack passt perfekt zum hektischen Spielgeschehen. Ausserdem wurden dezente Neuerungen wie neue Schussarten und fordernde Endgegner integriert. Insgesamt wirkt das Game dabei sehr stilvoll und bleibt seiner ursprünglichen Spielidee treu. Der einzige Wehrmutstropfen ist, daß der zusätzlich erhältliche Paddle-Controller (aufsteckbares Dreh-Rad) meines Wissens nach leider nie offiziell in Deutschland erschienen ist. Dieses Retro-Feature wäre wirklich noch das Sahnehäubchen für alle Fans von klassischen Spielkonzepten gewesen.

Natürlich reicht der Platz in diesem Artikel bei weitem nicht aus, um alle gelungenen Retro Updates aufzuzählen, aber ich hoffe ich konnte euch meine persönliche Evolutions-Theorie zumindest ein wenig näher bringen. Aktuelle Titel wie Capcoms Prügelhit Street Fighter 4 (für die PS3 und Xbox 360) oder SNKs siebter Teil des Jump´n Shoot Klassikers Metal Slug zeigen deutlich, daß Retro Games nicht zwingend altbacken daher kommen müssen. Retro ist und bleibt IN.

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